Kafkaeske Kacheln

Ich höre immer mal wieder „Was kann ich nur tun, wenn die Teilnehmys*1 meines(!) Termins mal wieder nicht die Kamera anmachen?“ 

Ich finde in dieser Aussage steckt ganz viel Spannendes 🙂

Zoomkacheln
Mal wieder nur schwarze Kacheln in Zoom. Schade – wie gerne hätte ich diese illustre Runde an gelben Ballmeistys gesehen.

Die düsteren, manchmal gar kafkaesken Kacheln sind ein deutliches Symptom für zwei ganz andere Probleme, die dank des virtuellen Setups nun so klar, wie die Linse einer fabrikneuen Webcam werden: Erstens Sinn und zweitens Möglichkeit, sich zu beteiligen, fehlen.

Bevor wir uns direkt in den leider naheliegenden und bequemen Vorwurf stürzen – „Jetzt machen DIE schon wieder nicht ihre Kamera an!“ –, gilt meiner Meinung nach: für die dunklen Kacheln sind immer erstmal die verwendeten Interaktionsstrukturen und vor allem ein fehlender Sinn und Zweck (neudeutsch Purpose) verantwortlich.

Termine ohne Purpose

Fehlt der Purpose eines Termins, gibt es keine klare Aussage darüber Was in dem Termin passieren soll und Warum das für die Gruppe wichtig ist. Dass ein Termin keinen Purpose hat, ist vermutlich der absolute Regelfall. Wir machen uns fast nie Gedanken dazu. Aber selbst bei Terminen, die eigentlich einen Purpose vorsehen, ist dieser oft unklar oder verloren gegangen. Wir schauen dazu einmal auf eine typische Retrospektive im agilen Kontext. 

„Was? Der Purpose einer Retro ist doch glasklar!“ höre ich dich in dein gemutetes Headset rufen. Da gebe ich dir erstmal recht: „Das ist ein regelmäßiges Meeting im agilen Kontext, in dem ein Team auf die gemeinsame Arbeitsweise zurückblickt. Dabei überlegt sich das Team, welche Anpassungen an seinen Arbeitsvereinbarungen es durchführen will, um effizienter und effektiver zu arbeiten (Was). Team-Retrospektiven sind wichtig, damit das Team seine Wirkungskraft selbst optimieren kann, die Teammitglieder Verantwortung übernehmen und sich gehört und respektiert fühlen (Warum).“*2

Die Segelbootretro
Retromat-Id 4711: Die Segelboot-Retro

Doch in der Praxis finden meine Kollegys und ich manchmal nur die geisterhafte Hülle einer Retrospektive in Teams vor. Dann wird etwa zu Beginn die Prime Directive zum 37. Mal vorgelesen und die fünf heiligen Phasen der Retro werden brav abgearbeitet. Immer neue Varianten von „Keep“, „Try“, „Drop“ entspringen der Spielwiese des Coachy, das dabei den Retromaten zum Glühen bringt. Das Coachy hofft, dass durch die richtige Metapher das Team endlich aufblüht und nicht mehr nur gezwungen und müde ins Segelboot oder die Mondrakete zum nächsten Sprint einsteigt.

Das eine solche Zeremonie für manche Teams reinen Cargo Cult bedeutet, kann viele Gründe haben. Etwa wenn Erkenntnisse und Maßnahmen in jeder Retro oberflächlich bleiben oder das Team sein (toxisches) Umfeld als so starr und übermächtig empfindet, dass „sich eh nichts ändern wird“. Gerade dann helfen keine Icebreaker und aufgesetzte Prime Directive-Gebete. Diese Instant-Süppchen schmecken nicht nur fad sondern können sogar Gift sein. Zum Beispiel wenn der Elefant im Raum schon längst vor aller Augen lauthals trompetet und kein Raum dafür geschaffen wird, auch nur zaghaft auf das graue Tier zu zeigen.

Der Purpose eines derartigen Termins ist längst trübe und wird sogar als absurd oder zynisch empfunden: „Wir sollen in dieser hoffnungsloses Situation also auch noch Verantwortung übernehmen und uns dabei respektiert fühlen?“

Unpassende Interaktionsstrukturen sabotieren den Purpose

Wenn dazu noch das übliche Muster abgespult wird: „Jetzt schreiben wir erstmal Zettel und dann trägt jedy*3 schön seine Zettel vor“ – schon sind wir mitten im Muster der Interaktionsstruktur ‚Statusrunde‘ –, kommt es zwangsweise zu Langweile, Interesse Verlieren, Kamera Abschalten. Eine Statusrunde kann es nur schwer schaffen, Relevanz und emotionales Interesse für alle aufrecht zu erhalten. Denn: Tiefe, Thema, Länge der meist zu vielen Beiträge variiert zu stark. 

Eine offene Diskussion unterbindet nicht zuletzt durch Extrovertierte, Vielredner und Machtstrukturen die Beteiligung aller. Eine moderierte Diskussion kann den Mechanismen des Groupthink*4, einer antagonistischen Gesprächshaltung*5 und der fehlenden Parallelisierung von Gesprächen*6 kaum etwas entgegen setzen. 

Wie giftig diese beiden schrumpeligen Pfeile unseres Methodenköchers sind, mag uns noch so klar sein. Immer wieder rutschen wir in diese Mechanismen!

„Gut, dann fang ich mal an. Auf meinem Zettel steht…“

Den Purpose zum Leben erwecken

Was also anders machen? Ich plädiere natürlich für Liberating Structures 🙂 Alle Liberating Structures zielen auf die Beteiligung aller ab, verhindern Groupthink, stärken die Beziehungsebene und verschonen uns von antagonistischen Gesprächsmustern („ja, ABER“). Doch die tollsten Methoden helfen nichts, solange der Purpose eines Termins nicht klar ist.

Übertragen auf die Welt jenseits von Retrospektiven, bedeutet das, sich für jeden Termin zu Fragen: Was soll in dem Termin passieren und warum ist das wichtig für die Gruppe? Welche Interaktionsstrukturen verwenden wir dabei normalerweise? Welche Leute nehmen an dem Termin teil? Passen Interaktionsstrukturen und Teilnehmerkreis zum Purpose? Muss ich weitere Personen einladen oder gar eingeladene Personen ausladen? Erlauben die gewählten Interaktionsstrukturen allen in die wichtigen Richtungen zu schauen und ihre Erkenntnisse auszusprechen? Oder kommen etwa durch Statusrunde und Diskussion wieder nur dieselben Aussagen ans Licht und dieselben Leute zu Wort?

Steht der Purpose einmal, und ist dir klar, welche Methoden den Purpose sabotieren, dann kannst du dich den dazu passenden Methoden widmen: Welche Interaktionsstrukturen unterstützen den Purpose des Termins? Wie kann ich den Purpose zum Leben erwecken? 

Am besten du stellst dir diese Fragen gemeinsam mit möglichst vielen Teilnehmys! Schließlich ist es nicht dein Purpose, sondern euer Purpose, euer Termin!*7 Dabei helfen 9 Whys und Design StoryBoards

Passende Interaktionsstrukturen und Konzepte am Beispiel der Retro

Viele Methoden aus dem Repertoire der Liberating Structures eignen sich fantastisch für eine Retro. Mit einem Discovery-&-Action-Dialogue brichst du mit deinem Team aus chronischen, wiederkehrenden Problemen aus, mit einem Ecocycle Planning schaffst du Klarheit über euren Produktentwicklungszyklus und lässt eure Ressourcen fokussierter einsetzen, mit einem TRIZ holst du die unausgesprochenen Leichen aus dem Keller, mit einem Wise Crowds gebt oder nehmt ihr euch liebevoll provokante Hilfe, mit einem 15% Solutions entdecken alle ihre Möglichkeiten für Veränderung, mögen sie auch noch so klein sein. Für weitere Inspiration hör gern mal hier rein: Mein Scrum Ist Kaputt-Podcast-Folge zu LS

Insbesondere auf eine Retro passen außerdem einige der enthaltenen Prinzipien von Liberating Structures wunderbar. Wie etwa: „Lernen durch gemeinsames Scheitern“ bzw. „Mache Fehler und lerne dabei!“.*8 Ebenso hilfreich ist das in Liberating Structures eingebackene Konzept der Sinnstiftung: Sich gemeinsam der aktuellen Situation bewusst werden, Möglichkeiten entdecken und dann voranschreiten. Und zwar nicht zwingend mit einer Entscheidung im Konsens, sondern mit parallelen Experimenten, für die wahres Commitment besteht.*9 (Nur) so können wir sogar in einem starren Umfeld Veränderung initiieren. Hinterher können wir Veränderungen sowie gescheiterte Versuche gemeinsam reflektieren und adjustieren oder in die Breite tragen. Der Purpose einer Retro lässt grüßen (Lächeln) 

Aus der Vorwurfshaltung ausbrechen

In dem eingehenden Satz steckt außerdem eine schädliche Vorwurfshaltung. Die wird vielleicht gefüttert von Frust oder Hilflosigkeit. Also weisen wir lieber die Verantwortung von uns und suchen uns Schuldige: Die Gruppe oder die aus der Gruppe, die ihre Kamera aus haben: „Ich weiß auch nicht was mit denen los ist…“ 

Was hilft, um aus dieser Vorwurfsstimmung herauszukommen? Denn doof ist: Mit dieser Haltung kann kaum Relevantes entstehen.*10 Denn die anderen sind Schuld und ich selbst kann/muss nix tun oder ändern.

Vielleicht fühlst du dich auch Verantwortlich für die mangelnde Beteiligung. Zum Glück behaupte ich weiter oben, dass stets die Interaktionsstrukturen und fehlender Purpose Schuld sind. Wir können also weiterhin in Schuldzuweisung verharren UND etwas verändern! Nein – im Ernst: Du hast mindestens deine Termine in der Hand! Spendiere ihnen einen anziehenden Purpose und passende Methoden zur Beteiligung! Und damit meine ich, spendiere beides deinen Teilnehmys! Der Aufwand dafür lohnt sich!

Falls du Hilfe dabei brauchst, dann schau dir unser LS-Programm und insbesondere den Baustein ‚Die Design-Masterclass‘ an oder melde dich unter liberating.structures@holisticon.de bei uns.

*1 Entgendern nach Phettberg ist gut.
*2 Aus Faulheit von mir selbst geklaut: Liberating Structures – Entscheidungsfindung revolutionieren, 2021 Vahlen Verlag, S.75f
*3 Gut entgendern nach Phettberg ist.
*4 Liberating Structures – Entscheidungsfindung revolutionieren, 2021 Vahlen Verlag, S.48ff
*5 Liberating Structures – Entscheidungsfindung revolutionieren, 2021 Vahlen Verlag, S.44
*6 Liberating Structures – Entscheidungsfindung revolutionieren, 2021 Vahlen Verlag, S.100ff
*7 Auch das steckt im eingehenden Satz: „Mein“ Termin. Wir sehen uns vielleicht (gerade in Retros) zu oft als Zeremonienmeister, als Heilsbringende, die es in der Hand haben, eine Gruppe zu genialen Ergebnissen zu bringen. 
*8 Liberating Structures – Entscheidungsfindung revolutionieren, 2021 Vahlen Verlag, S.60
*9 Liberating Structures – Entscheidungsfindung revolutionieren, 2021 Vahlen Verlag, S.35f
*10 Christopher Avery, The Responsibly Process, 2016

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.