Was heißt eigentlich dieses 33+?

Im Buch von Keith und Henri und natürlich auch auf den entsprechenden Webseiten, die ja letztendlich auf dem Buch basieren, ist immer die Rede von 33 Liberating Structures. Selbst wir in unseren Kursen reden von 33+ Strukturen, obwohl es inzwischen vermutlich 50-70 verschiedene „LS“ gibt, die ich einmal grob in verschiedene Kategorien einteilen möchte:

„Official“ Structures

Da sind zum einen die 33 offiziellen Strukturen. Offiziell nenne ich sie deshalb, weil es die Strukturen sind, die es ins Buch von Keith und Henri geschafft haben. Ihr kennt diese schöne 5×7-Tabelle, wobei sich in die erste Spalte zwei allgemeine Erklärungen eingeschmuggelt haben, sodass in Summe 33 echte LS übrig bleiben. Viele Menschen glauben deshalb, dass Keith und Henri der Meinung sind, dass diese 33 der Weisheit letzter Schluss sind und diese die Liberating Structures ausmachen.

Tatsächlich ist die Geschichte so, dass beide in ihren Jobs als Top-Manager mit der Art der Kommunikation in Meetings unglücklich waren und sie deshalb eine Hand voll Prinzipien aufgestellt haben, die ihrer Erfahrung nach gute Kommunikation in Gruppen ausmachen. Diese Design-Elemente haben wir im letzten Newsletter bereits vorgestellt.

Das Liberating Structures Menü

Am Anfang waren es nur eine Handvoll von Strukturen, die die schlimmsten Situationen „geheilt“ haben und diese sind dann über die Jahre mehr und mehr geworden. Tatsächlich wurden diese Strukturen am Anfang nur zum Eigenbedarf verwendet, bis Keith Henri irgendwann dazu überreden konnte, den damaligen Erfahrungsschatz in Form eines Buches festzuhalten. Und die heute so populäre Website wiederum ist nur ein „Abfallprodukt“ des Buches. Mitnichten hat diese Sammlung der 33 also einen Anspruch auf Vollständigkeit, sondern spiegelt nur den Diskussionsstand zum Zeitpunkt des Buches wider.

Riffs and Variations

Nun gibt es etliche Menschen auf der Welt, die die Liberating Structures nicht nur in ihrer Originalform verwenden, sondern leichte Abwandlungen davon verwenden. Diese genügen immer noch den elementaren Prinzipien, haben jedoch eine leicht andere Durchführung oder Zielrichtung. Auf der amerikanischen Webseite sind Beispiele dafür unter „Riffs and Variations“ aufgeführt, auf der deutschen Seite firmieren sie unter „Variationen“ auf der jeweiligen Originalstruktur. Im Laufe der Zeit haben sich einige davon derart etabliert, dass eigene Namen dafür geschaffen wurden, so z. B. Anxiety Circus, eine Abwandlung von 25/10 Crowd Sourcing, bei der es nicht darum geht, die „besten“ Ideen im Raum zu finden, sondern, die größten Ängste ans Licht zu bringen. Hier wurde nur die Einladung verändert, der Rest der Struktur bleibt gleich. Ein anderes Beispiel ist das Folding Spectogram, einer Abwandlung von 1-2-4-All, bei der die Konfiguration der Gruppen so geändert wird, dass nicht zufällige Paarungen gebildet werden, sondern solche Paarungen entstehen, die nach Extremhaltung in der Meinungen konfiguriert werden.

Punctuations

Punctuations sind eine etwas schwer zu fassende Abart von Liberating Structures. Die offzielle Erklärung dafür lautet:

  • Sie heben ein bestimmtes Prinzip oder eine abstrakte Idee einer LS auf eine Art und Weise hervor, die greifbar und nachvollziehbar ist
  • Sie dienen dem Einüben einer Fähigkeit oder eines Bewusstseins, das bei der Interaktion innerhalb einer LS oder eines Strings nützlich sein könnte
  • Sie können vor, nach oder innerhalb einer Struktur eingesetzt werden, um die Ergebnisse oder die Qualität des Outputs zu verbessern

Puh, sperrig, oder?

Meine persönliche Erklärung lautet: eine Punctuation (als direkte Metapher also die Interpunktion, die dazu dient die richtige Bedeutung eines Satzes zu verdeutlichen oder etwa die Betonung von Noten in der Musik) ist eine Struktur, die zwischen anderen Liberating Structures eingesetzt werden kann, um entweder die Teilnehmys auf eine tiefergehende Interaktion vorzubereiten oder eine vergangene Interaktion zu reflektieren. Genau, wie man am Anfang eines Workshops über ein Impromptu Networking durch eine entsprechende Einladung die Erwartungshaltung formulieren und schärfen lassen kann, kann man an beliebiger Stelle eines Workshops z. B. über ein Spiral Journal durch gute gezielte Fragen zum nächsten Thema hinführen oder einfach nur eine Gruppe in eine stille Konzentration bringen, wenn soviel Energie im Raum ist, dass fokussiertes Arbeiten fast nicht möglich ist.

Die in den beiden bisherigen Holisticon Liberating-Structures-Newslettern beschriebenen Strukturen des Monats Mad Tea und Spiral Journal sind eigentlich solche Punctuations, unter anderem, weil sie eine oder mehrere der unten beschriebenen Bedingungen für LS nicht erfüllen.

Katalog der 11 Bedingungen für LS

Die folgende Liste ist entnommen von https://www.liberatingstructures.com/design-elements/. Es handelt sich um Eigenschaften oder Prinzipien, die laut Keith und Henri alle Liberating Structures erfüllen (müssen).

PrinzipErklärung
1EinfachBenötigt die Struktur nur ein paar Minuten zur Erläuterung?
2SelbstverbreitendIst sie ohne formale Schulung leicht zu kopieren?
3ExpertenlosIst es auch für Anfänger möglich, nach einer ersten Erfahrung positive Ergebnisse zu erzielen?
4ErgebnisorientiertIst es wahrscheinlich, dass die innovativen Ergebnisse besser als erwartet ausfallen?
5Schneller ZyklusKann sie in schnellen iterativen Runden durchgeführt werden?
6EinbeziehendWird jeder eingeladen, die nächsten Schritte gemeinsam zu gestalten?
7MehrstufigErleichtert sie Fortschritte bei alltäglichen Besprechungen, großen Projekten, Strategieentwicklung und der Umgestaltung von Bewegungen in Gruppen jeder Größe?
8Ernsthafter SpaßFördern sie Freude, Freiheit und Verantwortung bei der Anwendung?
9AnpassungsfähigLässt sie sich getreu den Min Specs verbreiten und gleichzeitig an lokale Gegebenheiten anpassen? Lässt sie sich leicht in oder neben anderen Veränderungsinitiativen einsetzen?
10Mikro-strukturiertWird eine Einladung genau strukturiert, die Teilnahme verteilt, die Gruppen konfiguriert, der Raum und die Zeit eingeteilt?
11ModularKann es endlos mit anderen LS kombiniert und rekombiniert werden?

Ich persönlich hadere am meisten mit dem Prinzip Nummer 3, weil ich der Meinung bin, dass viele der Structures nicht anfängertauglich sind (wer von euch hat schon mal Panarchy verwendet?) und dass man die volle Kraft der LS nur entfalten kann, wenn man schon eine gute Portion Erfahrung damit gemacht hat. Tatsächlich gibt es aber auch etliche, die sehr schnell von fast jedem mit gutem Erfolg durchgeführt werden können. Meistens werden da genannt: 1-2-4-All, Impromptu Networking, TRIZ. Tatsächlich ist die oben abgebildete farbige Tabelle der LS so ein wenig nach Schwierigkeitsgrad sortiert, dies bietet auch eine gute Orientierung zu Beginn der Reise mit LS.

LS in Development

Zu guter Letzt gibt es immer wieder neue Ideen, die auf den Grundprinzipien der Liberating Structures fußen und tolle Ergebnisse erzielen, allerdings noch nicht den Reifegrad haben, dass sie wirklich in allen denkbaren Situationen funktionieren. Eine allumfassende offizielle Seite dazu gibt es nicht, aber die Seite https://www.liberatingstructures.com/ls-in-development/ ist ein guter Startpunkt, um zu sehen, was gerade an neuen Dingen erarbeitet wird.

Viele von diesen Strukturen zählen für uns Coachys und Liberatys zum Alltag und wir werden in weiteren Newslettern vornehmlich Structures von dieser Liste als LS des Monats vorstellen, weil es hierfür noch nicht so viel offizielles Material gibt.

Die bittere Wahrheit ist allerdings: Seit Erscheinen des Buches im Jahr 2014 hat es keine einzige Struktur in den offiziellen Kanon geschafft, alleine weil es keinen definierten Prozess dafür gibt und auch kein Komitee, das über eine solche Aufnahme entscheidet. Und so bleiben wir weiterhin bei der Zählung 33+.

Fazit

Liberating Structures leben! Es sind eben nicht genau 33 für alle Zeiten in Stein gemeißelte Strukturen, die in genau dieser Summe die Liberating Structures definieren, sondern es entstehen ständig neue, genau wie alte Strukturen nicht mehr oder nicht mehr genau so wie beschrieben durchgeführt werden. Die „Community“, wer immer das auch genau sein mag, besteht aus kreativen Menschen, die nicht mit dem Status Quo zufrieden sind, sondern ständig auf der Suche nach noch hilfreicheren Methoden sind, um die Kommunikation auf der Welt zu verbessern. Hach, welch schönes Schlusswort. Befreiende Grüße aus Hamburg!