Makrostrukturen und Mikrostrukturen
Große Strukturen, sog. Makrostrukturen, wie Gebäude, Kultur, Verhaltensregeln und operative Abläufe unterstützen und beschränken unsere täglichen Aktivitäten. So beeinflusst die hierarchische Struktur in der eigenen Organisation Entscheidungsprozesse: In einem stark hierarchischen Unternehmen hat die Führungskraft das letzte Wort. Kleinere Strukturen, die unsere Interaktionen mit anderen Menschen ebenfalls beeinflussen, sind uns in der Regel viel weniger bewusst. Im Gegensatz zu den großen greifbareren Makrostrukturen nennen wir solche kleineren Strukturen Mikrostrukturen.
Die großen fünf Mikrostrukturen
Du hast keine Wahl. Jedes Mal, wenn du ein Gespräch führst oder ein Meeting hältst, verwendest du Mikrostrukturen.
Keith McCandless & Henri Lipmanowicz

Die fünf am häufigsten verwendeten solcher Mikrostrukturen sind die Präsentation, die offene Diskussion, die moderierte Diskussion, der Statusbericht und Brainstorming-Sessions.
Ob nun bewusst oder unbewusst, Mikrostrukturen sind die Art und Weise, mit denen wir all unsere alltäglichen Interaktionen gestalten. Mikrostrukturen geben vor und kontrollieren, wie Menschen miteinander arbeiten. Sie prägen unsere Gespräche und Meetings.
Mikrostrukturen prägen unsere Interaktionen
Mikrostrukturen ermöglichen und beschränken, was möglich ist.
Keith McCandless & Henri Lipmanowicz
Häufig bemerken wir gar nicht, welche der uns so vertrauten Mikrostrukturen wir immer wieder benutzen und was wir damit immer wieder auslösen. Wir laufen auf Autopilot und haben ihren Einfluss aus den Augen verloren. Die Bedeutung dieser Mikrostrukturen wird jedoch sofort spürbar, wenn wir anfangen, eine größere Vielfalt von Mikrostrukturen wie Liberating Structures zu nutzen. Weil wir dabei entscheiden müssen, welche Strukturen wir in welcher Kombination verwenden wollen, sind wir gezwungen, uns den Sinn und Zweck unserer Meetings im Vornherein viel klarer zu machen.
Die fünf Designelemente
Eine einfache Möglichkeit, sich der Mikrostrukturen bewusst zu werden, besteht darin, ihre Bestandteile zu identifizieren.
Keith McCandless & Henri Lipmanowicz
Das grundlegende Design aller Mikrostrukturen – konventionell oder befreiend – wird durch fünf Elemente vorgegeben. Wir nennen sie Designelemente, weil du sie je nach dem, was du erreichen möchtest, ausgestalten kannst. Die fünf Designelemente für z. B. eine konventionelle Präsentation oder einen Vortrag sind im Folgenden dargestellt:

- Einladung („Seien Sie still und hören Sie mir zu!“)
- Raum und Materialien (Reihen oder U mit Blick auf den Vortragenden, Leinwand, Projektor und PPT-Folien)
- Einbindung der Teilnehmenden (fast 100% der Gesamtzeit für den Vortragenden)
- Konfiguration der Gruppe (zwei Gruppen: ein Sprecher, das Publikum)
- Ablauf und Dauer (Präsentation für den größten Teil der Zeit, möglicherweise Fragen und Antworten für den Rest der Zeit)
Liberating Structures werden mit Variationen dieser fünf Designelemente gestaltet. Die fünf Elemente sind die wesentliche Grundlage, die erforderlich ist, um mit jeder Befreienden Struktur Ergebnisse zu erzielen (Mindestspezifikationen, Min Specs). Das Verständnis dieser Grundlage hilft dir bei der Vorbereitung zum Führen und Facilitieren mit LS.
Mikrostrukturen führen zu winzigen Verschiebungen in der Art und Weise, wie wir uns treffen, planen, entscheiden und miteinander umgehen.
Keith McCandless & Henri Lipmanowicz
LS können unabhängig von persönlichem Stil, emotionaler Intelligenz oder Charisma ausgewählt und durchgeführt werden. Im Gegensatz zu der Annahme, dass Führung eine Reihe von persönlichen Eigenschaften erfordert, mit denen Menschen geboren werden oder die sie durch umfangreiches Training entwickeln müssen, kannst du diese Mikrostrukturen erfolgreich einsetzen, auch wenn du introvertiert bist und nicht gerne vor Leuten stehst.
Im Folgenden Beispiel wird das Design von 1-2-4-All dargestellt. Wenn du dir über die einzelnen Elemente im Klaren bist, fühlt sich die Verwendung einer Liberating Structure mühelos an.
1-2-4-All wurde entwickelt, um in schnellen Zyklen viele Ideen von Gruppenmitgliedern zu generieren und zu sieben. Es ist eine Alternative zu Brainstorming und Statusberichten.
Keith McCandless & Henri Lipmanowicz
Einladung
- Eine Frage, die nach Ideen oder Vorschlägen zu einem Thema fragt (z. B.: Welche Möglichkeiten siehst DU, um bei dieser Herausforderung Fortschritte zu erzielen? Wie würdest du mit dieser Situation umgehen? Welche Ideen oder Maßnahmen empfiehlst du?)
Raum und Materialien
- Kleine Cafétische mit 4 Stühlen pro Tisch, Gruppen von 4 Stühlen ohne Tische oder gar nichts außer genug Platz, wenn alle stehen
- Optional: Blöcke oder Post-Its zum Festhalten von Beobachtungen und Erkenntnissen
Einbindung der Teilnehmenden
- Jede(r) erhält die gleiche Zeit und Gelegenheit zur Teilnahme
Konfiguration der Gruppe
- Zuerst Einzeln
- Dann Paare
- Dann Gruppen von vier Personen
- Dann die gesamte Gruppe
Ablauf und Dauer

- Stille Selbstreflexion über eine gemeinsame Herausforderung oder ein gemeinsames Problem (als Frage formuliert) (1-2 Minuten)
- Generierung von Ideen und Austausch in Paaren (2-5 Minuten)
- Austausch der Ideen der Paare in Vierergruppen (2-5 Minuten)
- Jede Gruppe teilt eine wichtige Idee mit allen und die Bedeutungen/Schlussfolgerungen werden aufgezeichnet (5 Minuten)
Konventionelle vs befreiende Mikrostrukturen
Die wichtigsten Unterschiede von herkömmlichen Mikrostrukturen gegenüber Liberating Structures sind:

- Die Präsentation legt die maximale Kontrolle über den Inhalt in die Hände einer Person und bietet keine Struktur, um andere einzubeziehen.
- Der Statusbericht gleicht im Wesentlichen einer Reihe von Präsentationen, wobei die Kontrolle über den Inhalt jeweils in den Händen einer Person liegt und es keine Struktur gibt, um andere einzubeziehen.
- Die moderierte Diskussion überträgt einer Person die Kontrolle über die Einbeziehung einer kleinen Anzahl von Teilnehmern.
- Das Brainstorming bietet eine Struktur, um einige Personen einzubeziehen, die ihre Ideen ohne Zwang äußern können.
- Die offene Diskussion bietet keine Kontrolle über den Inhalt und keine Struktur, um alle einzubeziehen.
Auswirkung auf die Zusammenarbeit
Liberating Structures ermöglichen es, jede(n) unabhängig von der Gruppengröße einzubeziehen und die Kontrolle über den Inhalt auf alle Teilnehmer zu verteilen.
Keith McCandless & Henri Lipmanowicz
Wenn wir in Interaktionen treten sind v.a. zwei Aspekte, zwei Dimensionen wichtig:
- Wer darf inhaltlich beitragen, wer darf also Fakten, Thesen, Meinungen, Argumente in den Raum stellen?
- Wer darf aus den Informationen Schlussfolgerungen und nächste Schritte ableiten?
Die großen fünf lassen sich in etwa wie folgt einordnen.

Die Konsequenzen der großen 5 sind Groupthink, Resignation, Ineffizienz, fehlende Selbstwirksamkeit uvm..
Liberating Structures versuchen dagegen stets in beiden Dimensionen alle zu beteiligen.
Die 11 Qualitätskriterien
Keith und Henri haben das unter anderem durch das jahrzehntelange verfeinern der LS anhand folgender 11 Qualitätskriterien versucht zu festigen. Es handelt sich um Eigenschaften oder Qualitätskriterien, die laut Keith und Henri alle Liberating Structures erfüllen (müssen).
| Kriterium | Erklärung | |
|---|---|---|
| 1 | Einfach | Benötigt die Struktur nur ein paar Minuten zur Erläuterung? |
| 2 | Selbstverbreitend | Ist sie ohne formale Schulung leicht zu kopieren? |
| 3 | Expertenlos | Ist es auch für Anfänger möglich, nach einer ersten Erfahrung positive Ergebnisse zu erzielen? |
| 4 | Ergebnisorientiert | Ist es wahrscheinlich, dass die innovativen Ergebnisse besser als erwartet ausfallen? |
| 5 | Schneller Zyklus | Kann sie in schnellen iterativen Runden durchgeführt werden? |
| 6 | Einbeziehend | Wird jeder eingeladen, die nächsten Schritte gemeinsam zu gestalten? |
| 7 | Skalierbar | Erleichtert sie Fortschritte bei alltäglichen Besprechungen, großen Projekten, Strategieentwicklung und der Umgestaltung von Bewegungen in Gruppen jeder Größe? |
| 8 | Ernsthafter Spaß | Fördern sie Freude, Freiheit und Verantwortung bei der Anwendung? |
| 9 | Anpassungsfähig | Lässt sie sich getreu den Min Specs verbreiten und gleichzeitig an lokale Gegebenheiten anpassen? Lässt sie sich leicht in oder neben anderen Veränderungsinitiativen einsetzen? |
| 10 | Mikro-strukturiert | Wird eine Einladung genau strukturiert, die Teilnahme verteilt, die Gruppen konfiguriert, der Raum und die Zeit eingeteilt? |
| 11 | Modular | Kann es endlos mit anderen LS kombiniert und rekombiniert werden? |
Komplexitätstheorie
Wir wollen weniger Möglichkeiten, die dafür aber interessanter sind!
Keith McCandless & Henri Lipmanowicz

Liberating Structures sind im Hinblick auf einzelne spezifische Strukturen als auch in Bezug auf das gesamte Repertoire von den Erkenntnissen der Komplexitätstheorie inspiriert.
Wenn man sich nur auf einzelne Mikrostrukturen konzentriert, besteht die Gefahr, dass man die Kraft der Liberating Structrues übersieht. LS funktionieren als ein zusammenhängendes Set, das von zehn befreienden Prinzipien inspiriert ist. Wenn wir beschließen, dass wir als Menschen zusammengehören und die Zukunft gemeinsam gestalten wollen, leiten die LS-Prinzipien unser Verhalten. Ausführliche Beschreibungen zu den LS-Prinzipen folgen.



