Solo-LS oder darf’s ein bisschen weniger sein?

Wenn mich jemand fragt, wie ich zu Liberating Structures gekommen bin, sage ich immer: Als ScrumMaster und agiler Coach muss ich häufig Meetings moderieren, z.B. Retrospektiven oder Reviews. Im Zuge von skalierten Teams (mehrere Teams arbeiten an einem Produkt) kommt immer häufiger der Wunsch nach Gesamtretros. Und da kommen dann schon gerne mal ein paar Dutzend Menschen zusammen. Mein Werkzeugkoffer dafür war damals noch sehr klein und ich war froh, LS entdeckt zu haben. Endlich konnte ich „Großgruppenmoderationen“ durchführen. Immer noch kein Kinderteller, aber machbar. Inzwischen weiß ich natürlich, dass in LS viel mehr steckt, als Großgruppen zu bändigen, aber ich empfinde es nach wie vor als einen wichtigen Bestandteil.

Schauen wir noch einmal auf die Qualitätskriterien von LS. Kriterium 7 sagt: „Skalierbar: […] in Gruppen jeder Größe“. Meist meinen wir genau das, was ich am Anfang geschrieben habe: große und sehr große Gruppen. Auch mit mehreren hundert Leuten (so ca. 300 war bislang meine größte Gruppe) funktionieren die meisten Methoden sehr gut. Aber was ist eigentlich, wenn ich nur eine sehr kleine Gruppe habe oder gar ganz alleine bin? Muss ich dann auf Liberating Structures verzichten? Natürlich nicht! Im Folgenden beschreibe ich ein paar Structures, die (mit leichten Abänderungen) gut in kleinen Gruppen oder gar alleine funktionieren.

Ich teile die Structures hier mal in drei Kategorien ein:

  1. solche, die auch alleine sehr gut funktionieren
  2. solche, die man ganz ok alleine durchführen kann, obwohl ein Sparringspartner – ein Buddy – total gut wäre (alleine würden nennenswerte Teile: Schritte oder Mechanismen der LS wegfallen)
  3. solche, die man etwas abändern muss, damit sie in kleinen Gruppen funktionieren

Beispiel für Kategorie 1 (funktioniert auch alleine sehr gut)

Ecocycle Planning

Arbeitet man beim Ecocycle Planning in Gruppen, ist der große Aha-Moment, wenn dieselben Aufgaben von unterschiedlichen Teammitgliedern unterschiedlich auf dem Lebenszyklus angeordnet werden. Hier entsteht oft eine sehr wertvolle Diskussion, die das Team weiterbringt. Arbeitet man in der Structure alleine, ist ein sehr persönliches Thema eine hilfreiche, aber oft auch schmerzhafte Wahl. Ich hatte mal einen Kollegen, der eines Morgens ins Büro kam und voller ehrlichem Stolz berichtet hat, er habe sich bei einem bestimmten Social-Media-Portal endgültig abgemeldet. Begründung: Echte Freunde möchte er lieber wieder „in echt“ treffen statt virtuell und die ganzen anderen „Freunde“, naja, da sollte man den Status echt mal überdenken, schließlich sehen die ja so einiges in der Timeline. Genau solche Überlegungen können einen sehr weiterbringen und Ecocycle Planning ist eine tolle Methode genau dafür, wenn man beispielsweise Hobbies, Beziehungen, Dinge auf der Bucketlist oder ähnlich wichtige Aspekte des Lebens beleuchten möchte.

Beispiel für Kategorie 2 (funktioniert alleine ok, ein Sparringspartner wäre besser)

15% Solutions

In der Kategorie 2 sind Structures, die ohnehin als ersten Schritt die Stillarbeit alleine haben, bei denen dann aber die weiteren Schritte, meistens Beratung durch andere Personen, wegfallen. So auch im Beispiel der 15% Solutions. Die Überlegungen, was eigentlich in meinem eigenen Entscheidungsbereich liegt und trotzdem ein guter erster Schritt in die richtige Richtung ist, ist nicht trivial und doch kann mir dabei kaum jemand helfen, so dass ich das alleine tun muss. Der zweite Schritt, nämlich das Vorstellen vor einer kleinen Gruppe und die anschließende Beratung sind sicher total sinnvoll und hilfreich, jedoch nicht zwingend notwendig, schließlich muss ich den ersten Schritt ohnehin alleine gehen.

Beispiel für Kategorie 3 (braucht mehr als zwei Personen, aber auch dann nur mit Anpassungen)

25/10 Crowd Sourcing

Die wohl häufigste Frage bei 25/10 dreht sich um kleine Gruppen. Klar, wenn man weniger als 10 Personen hat, wird es schwierig, die 10 besten Ideen zu finden. Die Untergrenze liegt nach meinem Geschmack so bei 16 Personen. Allerdings gibt es Möglichkeiten, die Structure auch mit weniger Personen durchzuführen:

  • Lass jede Person zwei Ideen aufschreiben. Dann werden die Runden etwas länger, weil jeder auch immer zwei Ideen lesen und bewerten muss, aber zumindest ist die Anzahl der Ideen hinreichend hoch. Kleiner Tipp: In den Tauschrunden die beiden Karten nicht gemeinsam tauschen, sondern an unterschiedliche Personen geben, sonst ist es mit der Anonymität schnell vorbei.
  • Mach kein 25/10, sondern z. B. bei 8 Personen ein 15/5. Also mit anderen Worten nur drei Tauschrunden, was zu einer Maximalpunktzahl von 15 Punkten führt und dann wählt man beispielsweise nur die fünf höchstbewerteten aus und nicht 10 wie im Original beschrieben.

Vollständige Liste aller LS (33 + 11 in Development, wie im Kartendeck beschrieben) mit entsprechenden Anmerkungen

LSKategorieAnmerkungen
11-2-4-All3Streng genommen braucht man mindestens 8 Personen, aber auch bereits mit 2 Personen ist das dahinterliegende Grundprinzip wertvoll: Denke erst mal alleine nach, bevor du in den Austausch gehst! Bei vier Personen fällt das All weg, bei weniger sogar das 4.
2Impromptu Networking3Min 6 Personen nötig, ansonsten macht man weniger Runden. Das Grundprinzip der Aktivierung ist bei jeder Gruppengröße wertvoll, in sehr kleinen Gruppen macht man es eher weniger formell.
39 Whys2Sich selbst nach dem Warum zu fragen, ergibt vermutlich weniger Sinn, als sich interviewen zu lassen.
4Wicked Questions1Es ist immer sinnvoll, nach sich widersprechenden Polen zu suchen und diese gut zu durchdenken, das funktioniert sehr gut auch alleine.
5Appreciative Interviews2Das Wesen von Appreciative Interviews ist es, nach Erfolgsfaktoren zu suchen. Das kann man notfalls auch alleine, wenn man selbst verschiedene Beispiele parat hat, das Werkzeug Interview funktioniert natürlich besser zu zweit. Auch zwei der drei wertschätzenden („appreciative“) Parts – das Zuhören und das Nacherzählen – fallen weg. Das Wertschätzen der Erfolge bleibt erhalten. 
6TRIZ1Ohne Abstriche gut alleine machbar.
715% Solutions2Grundsätzlich kann man gut alleine überlegen, was man als ersten Schritt tun kann. Der zweite Schritt, das Sparring, fällt dann weg.
8Troika Consulting3Der Name ist Programm, erst ab drei Personen ergibt die Methode Sinn, mehr braucht es aber nicht.
9What, So What, Now What?1Das Teilen mit der Gruppe fällt weg, aber das Trennen der Beobachtungen von den Schlussfolgerungen und den Aktionen ist immer sinnvoll!
10Discovery & Action Dialogue1Da die Methode durch gezielte Fragestellungen Halt bietet, kann man diese Methode auch gut alleine durchführen.
11Shift and Share3Shift and Share braucht mindestens 7 Personen, davon 2 Innovatoren (sobald mehr als 5-6 Personen pro Station vorhanden sind).
1225/10 Crowd Sourcing3Je mehr Personen, desto besser. Mindestanzahl ca. 8 Personen, dann wird es eher ein 15/5 (s.o.)
13Wise Crowds3Mindestens 3 Personen werden benötigt, damit sich mindestens zwei über die Herausforderung einer Person beraten können.
14Min Specs1Das Erstellen der Max Specs macht ohnehin zunächst jeder für sich. Das Testen gegen den Purpose, um zu den Min Specs zu kommen ist gut alleine möglich.
15Improv Prototyping3Streng genommen funktioniert die Methode ab drei Personen: eine Regiegebende und zwei miteinander agierende Personen, aber je mehr Personen, desto lebendiger wird es und desto anspruchsvollere Situationen können nachgestellt werden.
16Helping Heuristics3Da man die Hilfemuster vielleicht nicht nur verstehen soll (das ginge auch alleine), sondern spielend erleben, sind miindestens 3 Personen erforderlich: 1 Klient, 1 Coach und 1 Beobachtender.
17Conversation Café3Ab 2 Personen ist ein Gespräch grundsätzlich möglich.
18UX Fishbowl3Eine UX Fishbowl ergibt erst ab 4 Personen Sinn, davon sind dann 2 in der Mitte.
19Heard, Seen, Respected3Ab 2 Personen ist eine wertschätzende Unterhaltung möglich, dann entfällt die Reflexion zu viert.
20Drawing Together2Theoretisch auch alleine denkbar, manch einem kommen schon beim Zeichnen neue hilfreiche Gedanken, allerdings öffnet erst die Interpretation durch eine andere Person wirklich neue Blickwinkel.
21Design Storyboards1Zum Planen von Meetings und Workshops perfekt alleine machbar.
22Celebrity Interview3Wie bei der UX Fishbowl macht die Struktur erst ab 4 Personen Sinn (ein Interviewer und eine Celebrity in der Mitte und mindestens 2 Zuhörende für Fragen).
23Social Network Webbing1Eine Umfeldanalyse ist auch alleine total sinnvoll.
24What I need from you1 oder 3Hier sind zwei Varianten sinnvoll: Auch alleine ist es eine gute Idee, sich Gedanken zu machen, was man von welcher Gruppe wirklich brauche, man bekommt dann halt keine Antworten und kann nicht darauf reagieren. Ab 2 Personen kann man in einen echten WINFY-Dialog treten, sofern man aus zwei verschiedenen Gruppen kommt, die Wünsche aneinander haben.
25Open Space Technology3Open Spaces brauchen mindestens 3 Personen, aber auch hier gilt: je mehr, desto besser.
26Generative Relationships STAR1Auch alleine kann man sich gute Gedanken zu den Beziehungen im eigenen Team machen.
27Agreement-&-Certainty Matrix1Alleine bleibt es auch hier bei einer einsamen Reflexion, die aber sehr hilfreich sein kann, um darüber zu entscheiden, mit welchen Methoden man das Problem angehen möchte, je nach Problemdomäne.
28Simple Ethnography2Beobachten kann jeder selbst. Echter Mehrwert entsteht aber vermutlich erst, wenn mehrere Beobachtungen übereinander gelegt werden, um Muster zu erkennen.
29Integrated~Autonomy1Wie auch bei Wicked Questions ist es sehr sinnvoll, sich der beiden Pole bewusst zu sein und Maßnahmen zu durchdenken, die beide Pole stärken. Alleine entfällt dann halt der Austausch über die verschiedenen Sichtweisen.
30Critical Uncertainties1Auch jede einzelne Person, die vor oder in einem Vorhaben steckt, tut gut daran, mögliche Zukunftsszenarien zu durchdenken und absichernde und robuste Strategien zur Hand zu haben.
31Ecocycle Planning1Unser Paradebeispiel für Strukturen, die gut alleine funktionieren! Sich brutal ehrlich alleine einzugestehen, in welcher Phase die einzelnen Aktivitäten stehen, kann augenöffnend sein! Probiert es mal mit Beziehungen (Freundschaften, Verwandschaft, Social Media Bubble, Geschäftsbeziehungen), das kann sogar lebensverändernd sein!
32Panarchy1Ecocycles auf mehreren Ebenen. Hart alleine, aber möglich. Die wahre Kraft der kollektiven Sinnstiftung und der überraschenden Erkenntnisse aus ungeahnten Richtungen wird so kaum zustande kommen.
33Purpose-to-Practice1P2P „liefert“ ja nur fünf verschiedenen Aspekte für Projekte oder Vorhaben. Auch wenn man alleine in diesen Vorhaben ist oder sich vorab alleine Gedanken machen will, ist dies eine tolle Methode.
34Spiral Journal1Kontemplatives Einstimmen auf vorher definierte Fragen: das geht auch alleine, oft lassen wir den Austausch über die Ergebnisse ohnehin weg.
35Folding Spectogram3Die Mechanik des Faltens funktioniert erst ab 4 Personen und auch dann wirkt es arg konstruiert. Ab 8 Personen sinnvoll.
36XxN-Writing1Wie beim Spiral Journal auch hier: das Nachdenken und Aufschreiben zu bestimmten Fragestellungen ist immer sinnvoll, auch alleine.
37Gallery Walk1Am Ende einer Veranstaltung oder auch nur zuhause das ruhige Anschauen und Nachdenken über verschiedene ausgebreitete Aspekte eines Vorhabens kann sehr hilfreich sein.
38Network Patterning Cards1Wie arbeiten wir zusammen? Wie sollen und wie wollen wir eigentlich zusammen arbeiten? Das sind Fragen, die man sich sehr gut auch alleine stellen kann.
39Talking with Pixies3Wie schon beim Troika Consulting: Mindestens 3 Personen braucht es schon. Alleine die verschiedenen Aspekte zu durchdenken bringt bei weitem nicht den gleichen Erkenntnisgewinn.
40Mad Tea Party3Tja, so richtig Spaß macht es erst mit großen Gruppen! Weniger als 8 Personen erscheinen nicht sinnvoll.
414-2-1-Snap3Per Definition braucht es mindestens 4 Personen.
42Positive Gossip3Theoretische Mindestanzahl sind 4 Personen, aber auch hier: je mehr, desto besser!
43Anxiety Circus3Hier gelten die gleichen Einschränkungen wie beim 25/10 Crowd Sourcing: mindestens 8 Personen.
44Future~Present3Theoretische Mindestanzahl sind 2 Personen, ein(e) Älteste(r) und eine zuhörende Person.